Bridget, Susan und Duran.

23. März 2026

Schon im Dezember fand ich „Seven And The Ragged Tiger“ im Laden und legte es seitdem auch zwei-, dreimal auf, aber erst heute klemmte es beim Hineinschieben des Inner Sleeves ein wenig. Dass die Platte aus UK stammt, weiß ich anhand der Seriennummer, aus welchem britischen Magazin die Doppelseite allerdings herausgetrennt wurde, nur der Himmel. Scheint aber eine Jugendzeitschrift gewesen zu sein, was man aus der etwas dusseligen, aber ganz süßen Wortschöpfung „Teenscope“ herauslesen kann, aber vor allem daran sieht, dass an allen vier Ecken noch Tesafilm-Streifen kleben. 

Vielleicht stammen die ja von… Bridget, damals 15 Jahre alt, aus Stapleford, Nottinghamshire. Die Blümchentapete, die ihre Eltern viele Jahre zuvor liebevoll an die Wände des Zimmers ihres einzigen Kindes gekleistert hatten, fand Bridget mittlerweile ziemlich blöd und nicht mehr altersgerecht. Aber man konnte sowieso kaum noch etwas davon sehen, weil sie von so vielen Postern verdeckt wurde. Von „Duran“ (niemand aus ihrem Freundeskreis sagte „Duran Duran“) hatte Bridget natürlich vor allem Bilder von John Taylor aus Magazinen ausgeschnitten. Als ihre Eltern sie dann nicht nach Manchester zum Konzert ließen, weil sie zu jung war, brach es Bridget für mindestens zwei Monate das Herz. Und damit das alles nicht noch schlimmer wurde, stellte sie »Seven And The Ragged Tiger« schließlich, ebenso entschlossen wie traurig, ganz nach hinten in ihrer kleinen Plattensammlung. Wirklichen Trost fand sie erst in ihrem ersten Konzert, Tears For Fears, da stand sie mit Susan fast ganz vorn vor der Bühne. Und als sie von zuhause auszog, besaß sie schon einen CD-Player und ließ ihre Platten daheim zurück. Ihre Mutter rief sie vor einigen Jahren an und fragte, ob sie ein paar ihrer Sachen auf den Flohmarkt bringen dürfe, Bridget fand das okay und dachte nicht mehr an die Poster von Duran. Aber wenn „The Reflex“ im Autoradio läuft, dreht Bridget noch heute die Lautstärke auf Zehn. Und sie singt jede Zeile textsicher mit.

Frau am Strand, damals.

24. März 2026

Schon wieder leer. Dieser kommunistische, verkommene Hurensohn. Gabrieles Stimme können nur die Katzen hören und selbst die scheinen von seinem aufgebrachten Ausruf unbeeindruckt zu sein, denn nur die Dreifarbige auf dem staubigen Fenstersims kratzt sich das von der Nachmittagssonne gewärmte Fell hinterm Ohr und glotzt dann wieder teilnahmslos durch die trübe Fensterscheibe. Sie hat ein Ekzem, da muss mal der Tierarzt einen Blick drauf werfen, aber bis zu dem wird es ein unnachgiebiger Kampf ohne Gewinner.

Gabriele wirft die leere Grappaflasche in hohem Bogen in den noch stärker unaufgeräumten Teil seines Ateliers, wo sie zwischen gesammelten Schreibmaschinen und einer Menge Unrat an einem kaputten Elektro-Rasenmäher zerschellt. Ganz sicher: Beppo muss sich unbemerkt in Gabrieles Atelier geschlichen haben, denn üblicherweise trinken sie gemeinsam auf der überwucherten Terrasse vorm Haus noch ein oder zwei Gläser zusammen, bis Beppo seine alte Faust zu einem Kampfgruß der Rotfront erhebt und schwankend auf sein von der Guardia di Finanza längst mit Ketten abgesperrtes Grundstück von dannen zieht. Dann ist Gabriele wieder allein und wartet üblicherweise noch ein paar Minuten, ob von drüben noch scheppernde Geräusche zu ihm hinüberdringen, die auf einen Unfall oder Ähnliches deuten könnten. Nach einer Weile kann er sicher sein, dass Beppo angezogen und verdreht auf seinem seit Monaten ungemachten Bett schnarcht und kann einen Blick auf das Bild auf seiner Staffelei werfen. Das Bild, das dort schon so lange steht, nur Umrisse einer Person vor einem unbestimmten Hintergrund. Natürlich weiß Gabriele seit so vielen Abenden, die vielleicht sogar Jahre füllen, auch heute erneut, dass er das Bild nicht vervollständigen kann, trotz der Jahre, der vielen Jahre und vermeintlich glücklichen Augenblicke, in denen er es vielleicht gekonnt hätte. Und wie immer wird er gleich das Licht löschen und schlafen gehen, ohne jegliche Erlösung und ohne einen Anflug nennenswerten Glücks.